Fridolin Foussini -- Ein Völker verbindendes Fußballmärchen
Dass das alte Anspach und jetzt Neu-Anspach eine weitestgehend tolerante Bevölkerung hat, ist bekannt. Die Wurzeln dieses Verhaltens liegen in der Geschichte dieses Ortes. Die Anspacher und Rod am Berger im besondern waren in dem 17. bis 19. Jahrhundert wirklich bettelarme Leute, sieht man einmal von wenigen Großgrundbesitzern ab. Die Böden sind karg, die Felder wurden durch die permanente Erbteilung immer kleiner und die die Leute mussten ihr Brot als Weber und Nagelschmied mit Hungerlöhnen verdienen oder wanderten aus über die Grenzen, teilweise bis in die USA, um sich als fahrende Sänger und Musiker das Geld zu verdienen und die Familien über den Winter zu bringen. Durch diese Erfahrung haben unsere Vorfahren eine sehr tolerante Einstellung zum Mitmenschen, d.h. auch zu Menschen die heute hier bei uns ihr Brot verdienen wollen. Einen weiteren Schub zu dieser Einstellung war die Aufnahme von Hunderten von Flüchtlingen aus den Ostgebieten nach dem zweiten Weltkrieg hier im Ort, die es zu schätzen wissen, was Anspacher Gastfreundlichkeit bedeutet. .
So ist es nicht verwunderlich, dass wir Neu-Anspacher das Leben mit unseren ausländischen Mitbürgern etwas anders sehen und pflegen als nicht wenige Menschen in anderen Regionen unserer Republik.
So lag es auf der Hand, dass auch in der Fußballabteilung viele ausländischen Spieler als Freunde behandelt und geachtet wurden. So spielten bei uns schon in den 60iger Jahren u.a. Spanier, Portugiesen, Serben, Kroaten, Türken und sogar ein Afrikaner mit Erfolg und Stolz im blauweißen Trikot der SGA.
So erlebten wir zusammen mit unserem afrikanischen Freund und Publikumsliebling Fridolin Foussini eine unvergessliche Zeit hier in Anspach. Es war ein echtes Fußballmärchen das sich wie folgt abspielte:
„Es war einmal ein kleiner afrikanischer Junge, rabenschwarz, fünfzehn Jahre alt. Er hatte noch neun Geschwister. Sie lebten in einer kleinen Hütte in der Hauptstadt Cotonou des früheren Königreiches Dahomey, heute Benin. Der Junge hatte den Vornamen Fridolin. Alle Kinder mussten helfen, Geld zu verdienen, damit genug zu essen auf den Tisch kam. Fridolin verkaufte nach der Schule Schnürsenkel auf dem Markt. Der Junge war intelligent, denn er hatte in der Schule neben der afrikanischen Muttersprache auch französisch gelernt. Eines Tages sprach ihn eine gut aussehende Dame in französisch an. Sie war von seiner Freundlichkeit und der Tatsache, dass er perfekt französisch sprach, angetan und fragte ihn ob er nachmittags in ihrem Haus als Boy arbeiten wolle. Das konnte er nicht alleine entscheiden, aber seine Eltern willigten ein. So konnte Fridolin weiter morgens in die Schule gehen und nachmittags gutes Geld als Boy verdienen. Fridolin ist sprachbegabt und lernte nebenher ein wenig Englisch. Nach zwei Jahren fiel ihm plötzlich eine uralte Bild-Zeitung in die Hände. Er blätterte drin herum und stieß auf die uns allen noch bekannten Kleinanzeigen der ehemaligen Anspacher Firma Susemiehl, die Mischmaschinen und Kreissägen herstellte und weltweit verkaufte. Fridolin hatte schon als Jugendlicher eine Vision. Er wollte in diesen Verhältnissen nicht weiterleben, seine Familie sollte es einmal besser haben. Ans Selbstbewusstsein hat es ihm noch nie gefehlt. Er nahm sich ein Herz und schrieb eine Bewerbung an die Fa. Susemiehl und erhielt nach mehreren Wochen auch eine Antwort. Er könne bei dieser Fa. eine Schlosserlehre machen, aber, er müsse Deutsch lernen und die Fahrt bis Marseille selbst bezahlen, dort würde man ihn abholen.
Wie er nach Marseille kam, darüber gibt es Gerüchte. Die Version, dass er mit einem Frachtschiff zu günstigsten Bedingungen in Südfrankreich landete, ist wohl die richtige. Wie lange und wo er sich Marseille herumtrieb, bis ihn die Fa. Susemiehl dort abholte, ist unbekannt.
Fridolin war nun in Anspach und er hatte schon im Benin gerne Fußball gespielt, aber nur auf der Straße. So stand er eines Abends am Sportplatz und wollte bei der A-Jugend der SGA mittrainieren. Die Frage, wie alt er sei, konnte er nicht genau sagen, vielleicht hat er uns auch nicht so recht verstanden. Einige Wochen gingen ins Land, Fridolin war ein großes Bewegungstalent. Als herauskam, dass er schon 18 wahr, war klar, er musste zu den Senioren; aber er hatte an der A-Jugend seinen Spaß gefunden und kam noch lange Zeit zusätzlich in deren Training.
Er war ungefähr 1,65 m groß, hatte ein Ballgefühl und eine Antrittsschnelligkeit, die seines gleichen suchte, aber er hatte keine Puste für ein ganzes Spiel. Nach einem Sprint über den Platz war er „platt“. Das wurde zusehends besser. Sein Kopfballspiel war bis zuletzt stark verbesserungswürdig. Er hüpfte hoch und zog gleichzeitig den Kopf ein. Das war schon lustig anzusehen, aber wenn er am Ball war, dann spielte er so manchen Gegner schwindelig. Am 1. Oktober 1967 trug Fridolin das erste Mal in der zweiten Mannschaft die Farben der SGA. Bereits am 15. Juni 1968 gab er sein Debüt in der Ersten bei einem Turnier in Ostheim und schaffte es, mit wechselndem Erfolg, diese Position in der Bezirksklasse zu spielen.
Man nannte ihn im ganzen Umkreis „Die schwarze Perle“. Fridolin war nicht pflegeleicht, aber er war und ist ein sehr sympathischer Typ und lernte sehr schnell deutsch. Sein erster Ausdruck war, das vergessen wir nie „Du Krampe“. Das hatte er im Vereinslokal Fend von unserem Käpt’n Reinhold Weber gelernt. Und Fridolin sagte nun „Krampe“ zu jeder passenden und unpassenden Gelegenheit.
In Westerfeld hatte er sich eine Souterrain Wohnung eingerichtet. Jeder, der zuhause ein paar passende Möbel übrig hatte, half ihm. Mit seinem Lehrlingsgehalt konnte er keine großen Sprünge machen und viele Freunde und Bekannten luden ihn übers Wochenende zum Essen ein. Manchmal hatte man mehrere Wochen Wartezeit, bis man wieder an der Reihe war. Zuhause wirtschaftete er sehr sparsam, meistens standen Nudeln auf dem Speiseplan. Als wir erfuhren, dass er von seinem Lehrlingssalär noch einen großen Anteil monatlich nach Hause überwies, stellten wir uns doch die Frage, wie er das alles managte. Er war fleißig und arbeitete noch samstags als Hilfsarbeiter beim „Gerüstbau Arnold Löw“. Als er mir mal erklärte, dass er sich mit diesem Geld von den finanziellen Verpflichtungen seiner Familie gegenüber freikaufe, erfuhren wir nur Ansätze dieser uns fremden afrikanischen Kultur. Von dem überwiesenen Geld hatte sein Vater eine Mühle gekauft und mit der er dann seine Familie besser ernähren konnte.
Sportlich war unser Fridolin eine echte Bereicherung geworden, er spielt sogar in der Bezirksklasse einen gefürchteten Linksaußen. Seine Tore erzielte er meistens im Gewühl oder wenn man ihn angeschossen hatte. Aber in der Vorbereitung, als Flankengeber und Zuspieler war er „erste Sahne“. Fridolin war so etwas wie ein Maskottchen der SGA, er war, das kann man mit Fug und Recht sagen, unser Publikumsliebling.
Aber es gab auch schon damals in den Siebziger Jahren „Schwachköpfe“, die ihren Ausländerhass schlechthin an Fridolin loswerden wollten. Oft wurde er unflätig beschimpft. Aber Fridolin hatte so etwas wie einen siebten Sinn für drohende Gefahren. Als ihm einmal ein Friedberger Abwehrspieler drohte und über die Klinge springen lassen wollte, war Fridolin gar nicht mehr da, wo er hintrat. Der Verteidiger rutschte nach seinem Tackling über die Sportplatzkante und verletzte sich schwer. Fridolin ging zu ihm hin und meinte: „Tut mir leid für Dich, aber ich habe Dich gar nicht berührt“. Ob dieser Spieler etwas gelernt hatte, ist zu bezweifeln.
Einmal wenigstens pro Jahr flog er in seine Heimat. Als kleines Dankeschön brachte er dann für die Frauen der befreundeten Familien handbemalte Seidentücher und für die Kinder Briefmarken mit wunderschönen Tiermotiven mit.
Unvergessen ist auch, als unser afrikanischer Freund den ersten Winter erlebte. Irgendjemand hatte ihm einen Wintermantel vermacht, der bis auf den Boden reichte. Strumpfhosen, Zipfelmütze und Wollhandschuhe waren angesagt. Er konnte gar nicht so schnell zittern wie er fror. Aber auch die klimatische Umstellung hat er mit Bravour gemeistert.
Bei der Bewältigung seiner Gesellenprüfung hatte ihm auch ein Anspacher Handwerksmeister unter die Arme gegriffen. Es war Herr Beyer, in dessen großer Familie er sich auch besonders heimisch fühlte. Herr Beyer vermittelte ihm die Chance, in der Lehrwerkstatt des Hessischen Handwerks in Frankfurt sich entsprechend vorbereiten zu können. Und Fridolin schaffte es. Auch sein Deutsch war zwischenzeitlich wirklich gut geworden. Mein Gott, jetzt sprach er insgesamt vier Sprachen, da konnte man richtig neidisch werden.
Nicht zu vergessen ist sein Auftritt bei der Fußballerfastnacht. Angefangen hatte alles bei der Weihnachtsfeier zuvor. Wenn die Musik heiße Rhythmen spielte, konnte er sich kaum bremsen, dann stand er auf und sein afrikanisches Blut kam in Wallung. Er konnte beim Tanzen jeden einzelnen Muskel seines Oberkörpers zittern lassen. Fridolin wiederholte diese Vorstellung auf der Bühne im Saalbau Ernst. Wir hatten eine Shownummer um ihn herum zusammengestellt und er war „Muhammed Ali“. Die Boxhandschuhe gingen ihm bis an die Ellenbogen, die Job-Hose bis an die Knie. Und dann tanzte er. Der Saal tobte. Mehrer Zugaben folgten. Von dieser Stunde an war Fridolin der absolute King des Abends und unterstrich dick und fett seine Rolle als Publikumsliebling
Als er wieder von seinem Afrikabesuch zurückkam, war er in Begleitung seiner Freundin. Es dauerte auch nicht mehr lange, bis sich Nachwuchs ansagte. Das war das Zeichen, Neu-Anspach ade zu sagen und wieder in den Benin zurückzukehren.
Fridolin ist heute mehrfacher Familienvater. Er hat auch mit dem in Anspach erlernten Fußballwissen sehr erfolgreich eine Jugendmannschaft in Cotonou zur Meisterschaft geführt. Am Flughafen in Cotonou hinterlegte er an verschiedenen Schaltern seine Adresse, mit der Bitte ihn anzurufen, wenn deutsche Reisende Hilfe benötigen.
Eines Tages erreichte Ernst Graser, er war jahrelang u.a. der Vorsitzende der Fußballabteilung, eine Bitte um Hilfe aus dem Benin. Unserem Fridolin war das ganze Dach seines Heimes durch ein Unwetter zerstört worden. Es sprach sich herum wie ein Lauffeuer und viele Freunde spendeten. Ernst Graser sendete das Geld in Raten an Fridolin, um sicher zu sein, dass es nicht irgendwo in dunklen Kanälen verschwindet. Fridolin hat sich riesig gefreut und einen herzlichen Dankesbrief nach Anspach geschrieben.
Zwischenzeitlich hatte er auf dem zweiten Bildungsweg seine Berufschullehrerprüfung bestanden. Als wir erfuhren, dass er sich in Berlin zur Weiterbildung befand, knüpften wir Kontakte und luden ihn ein. Es war zufällig an seinem 40. Geburtstag. Wir feierten eine große Fete. Als Fridolin abends in das Wanderheim trat und fast alle seine Freunde ihn beglückwünschten und umarmten kannte er fast jeden noch mit Namen. Inzwischen schon leicht ergraut, fragte er dann mit seinem unwiderstehlichen Charme, mit seinen schneeweißen, bleckenden Zähnen, seinem unvergesslichen Lächeln: „Wie geht’s Dir, Du Krampe?“
Ein ähnliches Märchen wollte auch noch Fridolins Bruder erleben, aber er konnte nicht verstehen, dass er illegal eingereist war. Fridolins Sohn dagegen studiert im Rhein Main Gebiet und hat ebenfalls, zwar nur kurz, mit Erfolg die Anspacher Vereinsfarben getragen.
Dieses Märchen ist gar kein Märchen sondern pure Realität. Möge den vielen ausländischen Mitspielern, die sich hier in Neu-Anspach integrieren wollen, die meisten von ihnen in Deutschland geboren und aufgewachsen, die gleichen Sympathien entgegengebracht werden wie unserem Fridolin, dem einstigen Verkäufer von Schnürsenkeln auf dem Markt in Cotonou.
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