Fragt man „Wer möchte gern Schiedsrichter werden?“ dann kneifen die meisten. Man stellt sich lieber auf die Tribüne und lässt seine berechtigten oder unberechtigten, seine stubenreinen oder auch manchmal mehr oder weniger chauvinistischen Brüller vom Stapel. Um so mehr sind die zu bewundern, die sich noch für dieses schwierige Amt hergeben.
Auch in Anspach haben und hatten wir viele Schiedsrichter, die es auch mit ihrer Leistung bis in die Oberliga gebracht haben und als Linienrichter sogar noch weiter nach oben.
Einer von ihnen war unser treuer Fan Herbert Jack. Er war nicht nur ein sehr guter talentierter Fußballer, sondern stand auch als Schiri seinen Mann. Er pfiff schon Gruppenliga und stand zur Beförderung für höhere Klassen an, als sein Engagement und Streben durch eine Situation ein jähes Ende erfuhr.
Der Tatort war Ober-Mörlen. Dazu muss man wissen, dass der dortige Sportplatz rundherum mit einem Bretterzaun zugenagelt war und witziger Weise auch noch mitten auf dem Sportplatz ein Telefonmast stand, der aber für die nachfolgenden Ereignisse keine Rolle spielte. Wichtig ist, noch zu erwähnen, dass die Wetterauer Derbys weitaus heftiger geführt werden, als hier im Hintertaunus. Da sind wir wirklich noch Waisenknaben was die Auseinandersetzungen auf und neben dem Spielfeld angeht.
Die Spielpaarung hieß Obermörlen gegen den Nachbarn Okarben. Hier war der Konflikt vorprogrammiert. Ein guter Schiedsrichter musste her und die Wahl fiel auf unseren Herbert Jack. Er war noch Anfang der zwanzig, besaß noch keine eigenes Auto und wurde von seinem treuesten Fan und Förderer, seinem Vater August, gefahren. Es war aber kein Auto, sondern eine NSU Lambretta mit der Herbert kutschiert wurde. Welche Vorteile die Beförderung auf einem Motorroller gegenüber einem Auto hatte, das sollte unser Herbert nach diesem Spiel zu schätzen wissen.
Es passierte das, was immer passierte. Die Heimmannschaft fühlte sich benachteiligt, eben verpfiffen und wie es so geht, der Schuldige war der Schiedsrichter, wer auch sonst. Die Meute war am Kochen. Fliehen über die Seitenlinie war illusorisch, man konnte den Sportplatz nur durch das Nadelöhr, das war das Eingangstor im Bretterzaun, verlassen.
August Jack sah alles schon kommen. Mit laufendem Motor stand er vor dem Tor in Pool-Position, als sein Sohn mehr oder weniger glimpflich von einer Meute wilder Obermörler Fans und Spieler verfolgt wurde. Mit einem rettenden Satz hinten auf den Sozius der schon anfahrenden Lambretta brachte er sich mit mehr Glück als Verstand in Sicherheit. Den Angstschweiß noch auf der Stirn beschloss Herbert in diesem Moment: „Was tu ich mir da an?“ Seine Frau Gertrud war glücklich, dass er nach diesem Drama den Schwarzkittel und die dazugehörige Pfeife für immer an den Nagel hing.
Anspach und der ganze Obertaunuskreis/Usingen hatte über Nacht einen hoffnungsvollen Schiedsrichter weniger aber seit diesem Sonntagserlebnis brauchte eine junge Familie im Hintertaunus nicht mehr um das Heil ihres Ernährers bangen.
Herbert Jack ist der SGA immer treu geblieben, auch über die aktive Zeit hinaus. Das beweist er auch mit seinem großem Engagement in der Vorbereitung zum 100jährigen Jubiläum.